Die Deutsche Bahn gestaltet die Schieneninfrastruktur der Zukunft digital: Mit Building Information Modeling (BIM), GIS und digitalen Zwillingen verfolgt sie einen ganzheitlichen Ansatz über den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen – von der Planung bis zum Rückbau. Im Interview erklärt Candy Friauf, wie frühe Einbindung, klare Kommunikation und praxisnahe Pilotprojekte die Akzeptanz neuer Technologien fördern – und wie die DB gemeinsam mit Partnern Standards und Schnittstellen für eine vernetzte Infrastruktur etabliert.
WhereNext: Herr Friauf, die Deutsche Bahn steht mit der Modernisierung und Sanierung der Schieneninfrastruktur in Deutschland vor einem komplexen Vorhaben. Dafür braucht es zielführende Strategien. Mit der überarbeiteten DB-Strategie gehen Sie genau das an. Worauf stützt sich die neue Strategie im Kern?
Candy Friauf: Die Erweiterung der DB-Strategie zum Building Information Modeling berücksichtigt die ständige Weiterentwicklung der digitalen Technologien im Bereich Planen, Bauen und Betreiben einer Infrastruktur bei der Deutschen Bahn. Auf dieser Grundlage werden die Rahmenbedingungen, Hinweise und Handlungsempfehlungen für den Einsatz digitaler Methoden im Anlagenlebenszyklus gegeben. Neben dem digitalen Zwilling, der GIS-Integration, der Nachhaltigkeit und der Künstlichen Intelligenz sind die Erfahrungen aus den letzten 10 Jahren der Kern der Strategie.
WhereNext: Ihre Strategie deckt viele Bereiche des Konzerns ab. Vor zehn Jahren wurde die erste BIM-Strategie vorgestellt. Als Beauftragter der Deutschen Bahn für die BIM Infrastruktur begleiten Sie die vierte Version dieser Strategie maßgeblich. Wie betrachten Sie heute den digitalen Lebenszyklus Ihrer Anlagen?
Candy Friauf: In den vergangenen zehn Jahren hat sich unser Verständnis des digitalen Lebenszyklus unserer Anlagen grundlegend verändert. Während wir mit den ersten BIM-Strategien noch stark auf die Implementierung und digitale Planung fokussiert waren, steht heute der ganzheitliche Ansatz im Vordergrund. Wir betrachten unsere Infrastruktur über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg, von der ersten Idee über Planung, Bau und Betrieb bis hin zum Rückbau.
Heute sehen wir den digitalen Lebenszyklus nicht mehr als Vision, sondern als zunehmend gelebte Realität. Viele unserer Pilotprojekte zeigen, dass wir mit digitalen Modellen, automatisierten Prozessen und vernetzten Daten einen echten Mehrwert schaffen, für Effizienz, Qualität und Nachhaltigkeit unserer Infrastruktur.

WhereNext: GIS und BIM – das geht nur Hand in Hand. Welche Rolle spielen die GIS-Integration und der Digitale Zwilling im Rahmen der strategischen Ausrichtung des DB-Konzerns? Und wie verbinden Sie GIS und BIM konkret in Projekten und im Betrieb?
Candy Friauf: GIS und BIM sind zwei Seiten derselben Medaille, wenn es um den digitalen Lebenszyklus von Infrastrukturanlagen geht. Während BIM den Fokus auf das Bauwerksmodell und seine Eigenschaften legt, liefert GIS den räumlichen und infrastrukturellen Kontext. Erst durch die Integration beider Welten entsteht ein vollständiges, intelligentes Abbild unserer realen Infrastruktur, der digitale Zwilling.
Konkret wollen wir GIS und BIM über gemeinsame Datenstandards und interoperable Plattformen verbinden. Beispielsweise werden BIM-Modelle in den geografischen Raum eingebettet, sodass man jederzeit den räumlichen Bezug sehen und analysieren kann. In unseren Pilotprojekten nutzen wir diese Integration, um Bauwerksdaten mit Umweltdaten, Geländemodellen und Netzinformationen zusammenzuführen.
Unser Ziel ist es, Daten und Informationen über alle Phasen hinweg nutzbar zu machen. Das bedeutet, wir wollen digitale Zwillinge schaffen, die nicht nur geometrische Daten, sondern auch alle relevanten betrieblichen und technischen Informationen enthalten.

WhereNext: Durch künstliche Intelligenz steigen die Möglichkeiten der Effizienz-Steigerung enorm. Wo versprechen Sie sich konkrete Mehrwerte und was ist Ihre Vision?
Candy Friauf: Der Einsatz von KI bietet Potenziale in der Optimierung von Abläufen, der Automatisierung von Prozessen, der Verbesserung der Qualität und einer präziseren Risikobewertung.
Künftig soll die KI noch enger mit DB-spezifischem Wissen verknüpft werden, um den Zugriff auf entscheidungsrelevantes Wissen in Planungs- und Bauprozessen zu vereinfachen und damit Vorgaben schneller, konsistenter und vollständig umzusetzen. Schrittweise werden Datenquellen angebunden, damit alle Projektbeteiligten direkt auf alle erforderlichen Informationen zugreifen können, ohne unterschiedliche Regelwerke oder Datensätze manuell zusammenführen zu müssen. Dies verringert den Abstimmungsaufwand, minimiert Fehlerquellen und schafft die Grundlage für eine effizientere, strukturierte und medienbruchfreie Arbeitsweise.
Der Einsatz von KI in der Bauprojektabwicklung markiert einen entscheidenden Schritt hin zu einer produktiveren und zukunftsfähigen Bau- und Eisenbahnbranche. KI kann langfristig Planungs- und Bauprozesse beschleunigen, die Qualität der Ergebnisse steigern und Projektbeteiligte von zeitintensiven Routinetätigkeiten entlasten.
Trotz der zahlreichen Potenziale des KI-Einsatzes sind dennoch auch Herausforderungen und regulatorische Anforderungen zu beachten. Entscheidend ist der Aufbau von Vertrauen in die Technologie, insbesondere in Bezug auf die Nachvollziehbarkeit und Verlässlichkeit algorithmischer Entscheidungen.

(Copyright DB E.C.O. Group, Projekt HMB, Bild TopNordWest, Janek Pfeifer
WhereNext: Wie nehmen Sie Mitarbeitende und andere beteiligte Akteure auf dieser Transformationsreise mit? Und welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit der digitale Lebenszyklus der Anlagen tatsächliche Praxis wird und nicht nur ein theoretisches Konzept bleibt?
Candy Friauf: Die digitale Transformation ist kein reines Technologieprojekt, sondern vor allem eine kulturelle und organisatorische Veränderung. Entscheidend ist, alle Beteiligten frühzeitig einzubinden und den Mehrwert der Digitalisierung klar erlebbar zu machen.
Wir setzen auf transparente Kommunikation, praxisnahe Schulungen und Pilotprojekte, in denen Mitarbeitende selbst erfahren, wie digitale Werkzeuge ihre Arbeit erleichtern. Ebenso wichtig ist der Dialog mit Lieferanten, Verbänden, Hochschulen und Behörden, um gemeinsame Standards und Schnittstellen zu schaffen. Nur durch ein partnerschaftliches Miteinander kann der digitale Lebenszyklus entlang der gesamten Wertschöpfungskette etabliert werden.

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