Die Planung neuer Filiale bei ALDI SÜD ist heute mehr als nur die Standortwahl – sie verbindet Datenanalyse, urbane Expertise und nachhaltige Konzepte. KI und GIS ermöglichen es, Standorte optimal in ihre Umgebung einzupassen und gleichzeitig Mehrwert für die Nachbarschaft zu schaffen. Konzepte wie Mixed-Use oder Public-Private-Partnership zeigen, wie Nahversorgung und Stadtentwicklung Hand in Hand gehen. Nils Reithmann und Kai Benzing zeigen, wie der Discounter datengestützt Filialen entwickelt, die gezielt auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zugeschnitten sind.
Interview mit Nils Reithmann, Director Portfoliomanagement & Cooperation, ALDI SÜD und Kai Benzing, Manager Store Network Analytics, ALDI SÜD
WhereNext: Herr Reithmann, ALDI SÜD betreibt ein Filialnetz mit rund 2.000 Standorten in Süd- und Westdeutschland. Was zeichnet Sie als Nahversorger mit Immobilienkompetenz aus?
Nils Reithmann: Als Nahversorger sehen wir gerade im Bereich des Immobilienmanagements einen klaren Auftrag. Wir haben das Ziel, unsere Filialen optimal auf das Umfeld, in dem sie platziert sind, maßzuschneidern. Insbesondere in urbanen Gebieten überlegen wir deshalb gezielt, welcher Filial-Typ für das Umfeld geeignet ist. So werden unter anderem Mixed-Use Konzepte immer relevanter, bei denen unsere Filialen beispielsweise mit Wohnungen oder Kitas kombiniert werden. Die Räume sind hier bereits stark verdichtet, weshalb es intelligente Konzepte benötigt. Bei unseren Immobilien-Projekten legen wir aus diesen Gründen stets den Fokus darauf, die Standorte zu bereichern und sie nachhaltig attraktiv zu gestalten.
WhereNext: Welche Partner spielen eine Rolle, wenn Sie neue Filialen planen und Standorte entwickeln?
Nils Reithmann: Wenn neue Filialen und Nutzungskonzepte entwickelt werden, arbeiten wir sehr eng mit den jeweiligen Städten und Kommunen zusammen. Was braucht es in einem bestimmten Viertel? An welcher Infrastruktur fehlt es vielleicht noch? Für diese Fragen und auch baurechtliche Aspekte sind die Ämter vor Ort ein entscheidender Kooperationspartner. In der Umsetzungsphase arbeiten wir im nächsten Schritt mit Bauunternehmen, Investoren und anderen Dienstleistern zusammen. Die Beteiligten sind je nach Projekt sehr individuell.
Von City-Filialen in der Altstadt über freistehende Standorte bis hin zu Mixed-Use-Objekten – unsere Filialkonzepte orientieren sich stets an den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen. In einigen Fällen treten wir dabei auch als Teileigentümer auf. Ein Beispiel ist unser Gemeinschaftsprojekt mit dem Studierendenwerk Vorderpfalz in Landau: Im Rahmen einer Public-Private-Partnership entsteht hier über einer bestehenden Filiale ein Studierendenwohnheim mit 199 Plätzen – ein gutes Beispiel dafür, wie sich Nahversorgung und moderne Stadtentwicklung sinnvoll verbinden lassen.
WhereNext: Sowohl bei der Planung von neuen Standorten als auch bei der Anpassung bestehender Filialen an die Kundenanforderungen ist also das räumliche Umfeld entscheidend. Wie gehen Sie vor, um das beste Konzept zu bestimmen?
Nils Reithmann: Wir wissen, dass ein Standort vor allem dann gut angenommen wird, wenn er attraktiv und relevant für die Anwohnerinnen und Anwohner ist. Dabei spielen Faktoren wie Anbindung, Infrastruktur oder Barrierefreiheit eine wichtige Rolle. Durch den Einsatz von Esri Technologie sind wir in der Lage, bereits im Vorfeld Unterversorgungen zu identifizieren. Fehlt in einem konkreten Gebiet etwa ein Drogist, Biomarkt oder Bäcker, kann das ein relevanter Indikator für eine mögliche Kooperation sein.
Auch das Konzept des „One-Stop-Shopping“ setzt sich zunehmend durch und ist für unsere Kundinnen und Kunden sehr attraktiv. Deshalb versuchen wir die Wege kurz zu halten und mit einer Fahrt zur ALDI-Filiale gleich den Gang zur Apotheke und zum Bäcker zu ermöglichen.

WhereNext: Datengestützte Entscheidungen spielen bei ALDI SÜD eine zentrale Rolle. Herr Benzing, warum ist der Einsatz von Daten gerade bei neuen Standorten so entscheidend?
Kai Benzing: Die Entscheidung, einen neuen Standort zu eröffnen, ist heute komplexer als noch vor einigen Jahren. Der Nahversorger-Markt in Deutschland ist sehr gesättigt und im weltweiten Vergleich umkämpft. Die damit einhergehende Investition muss konkret abgewogen werden, um möglichst realistische Umsatzannahmen zu ermitteln. Vor diesem Hintergrund ist der Einsatz datengestützter Methoden besonders wichtig, um die Potenziale neuer Standorte zuverlässig zu analysieren.
WhereNext: Wie beschleunigt künstliche Intelligenz schon heute bei ALDI SÜD die Entscheidungsfindung in Immobilienbelangen?
Kai Benzing: Unsere eigens entwickelte KI ist direkt in ArcGIS integriert und erzeugt dort unmittelbare Ergebnisse, die unternehmensweit mit anderen Nutzenden geteilt werden können. Wird ein freies Grundstück geprüft, lässt sich der Standort direkt im System anlegen. Die KI verarbeitet daraufhin alle relevanten Informationen und prognostiziert das potenzielle Umsatzvolumen für die kommenden Jahre. Auch eine mögliche Kannibalisierung bestehender ALDI-Filialen wird durch die künstliche Intelligenz automatisch bewertet.
Doch nicht nur bei neuen Standorten, sondern auch der Optimierung unseres Filialnetzes helfen uns KI und intelligente Algorithmen. Welche Auswirkungen hat die Verlagerung einer bestehenden Filiale? Welche Filialen eignen sich für einen Abriss und Neubau besonders gut? Zahlreiche strategisch relevante Fragestellungen lassen sich mit räumlichen Analysen beantworten.
WhereNext: Welche weiteren Potenziale sehen Sie für den Einsatz räumlicher Analysen heute und in Zukunft?
Kai Benzing: Mit ArcGIS haben wir unsere Standorte im Blick und können gezielt Flächenpotenziale identifizieren. Wird ein Grundstück nicht optimal genutzt, lassen sich passende Konzepte entwickeln – etwa die abendliche Öffnung von Parkplatzflächen für Anwohnerinnen und Anwohner. Mit Daten zur umliegenden Siedlungsstruktur, der Entfernung privater Haushalte zur Filiale oder der lokalen Parkplatzsituation können wir solche Ideen fundiert bewerten.

Darüber hinaus nutzen wir räumliche Analysen, um neue Chancen zu erkennen – zum Beispiel für Packstationen oder E-Ladesäulen. Durch die Kombination von Informationen zu Fahrzeugbeständen, Antriebsarten und bestehender Infrastruktur lassen sich Unterversorgungen präzise aufzeigen. So gewinnen wir wertvolle, datengestützte Insights, die uns helfen, unsere Standorte und Services zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.
Die Möglichkeiten räumlicher Analysen sind längst nicht ausgeschöpft – im Gegenteil, sie eröffnen uns immer neue Wege, unsere Standorte noch intelligenter, attraktiver und nachhaltiger zu gestalten.



