Deutschlands Netzausbau ist das Rückgrat der Energiewende – komplex, zeitkritisch und ohne digitale Exzellenz kaum zu bewältigen. Mit LINK digital bündeln 50Hertz, TenneT und TransnetBW ihre Kräfte, um mit gemeinsamen Standards, einer ArcGIS-basierten Plattform und agilen Methoden Geschwindigkeit, Qualität und Skalierbarkeit zu sichern. Im Interview erklärt Geschäftsführer Dr. Frank Kurth, wie Wissen projektübergreifend skaliert wird und welche Rolle Beteiligung, Datenqualität und künftig KI für den digital unterstützten Netzausbau spielen.
WhereNext: Herr Kurth, mit LINK digital haben 50Hertz, TenneT und TransnetBW eine gemeinsame digitale Einheit gegründet. Was war der ausschlaggebende strategische Impuls für diesen Zusammenschluss?
Frank Kurth: Die Gründung der LINK digital war ein logischer nächster Schritt, nachdem sich die hohe Qualität und Innovationskraft der ehemaligen IT-Abteilung des Projekts SuedLink herumgesprochen hatte. Erste Kontakte zu anderen Netzausbauprojekten führten schnell zu gemeinsamen Lösungen, die aus dem bestehenden Portfolio hervorgingen. So haben wir beispielsweise für zwei Projekte neue ArcGIS Enterprise-Umgebungen aufgebaut und die Projekte mit einer leistungsfähigen GIS-Plattform ausgestattet.
Bevor jedes Projekt eigene Wege in der Digitalisierung geht, wurde deutlich: Hier liegen enorme Skalierungspotenziale. Die Nutzung einer gemeinsamen Plattform spart nicht nur IT-Kosten, sie erlaubt vor allem eine schnellere und effizientere Umsetzung der unterstützten Projekte.
Die Veröffentlichung des Netzentwicklungsplans 2037/2045 (2023) durch die Bundesnetzagentur mit zahlreichen neuen Gleichstromverbindungen hat diesen Impuls zusätzlich verstärkt und die Gründung von LINK digital als gemeinsame Einheit der drei Übertragungsnetzbetreiber motiviert.
WhereNext: Unter „StromNetzDC“ bündeln Sie große, Bundesland-übergreifende Gleichstromvorhaben. Welche Governance- und Steuerungsmechanismen stellen sicher, dass geeinte Stärke und klare Verantwortlichkeiten in der Praxis im Gleichgewicht bleiben?
Frank Kurth: StromNetzDC vereint die großen Gleichstromprojekte von drei Übertragungsnetzbetreibern unter einer gemeinsamen Dach-Marke. Die Governance-Struktur der LINK digital basiert auf abgestimmten Rollenmodellen, einem übergreifenden Steuerungsgremium und klaren Verantwortlichkeiten. Agile Steuerungsmechanismen ermöglichen eine iterative Realisierung sowie schnelle Entscheidungen, während die strategische Einheit etwa auch im Bereich der Architektur oder der verwendeten Technologien gewahrt bleibt.
LINK digital übernimmt dabei die Rolle des Digitalisierungspartners für die Netzausbauprojekte: Wir stellen die IT-Infrastruktur bereit, entwickeln digitale Lösungen und beraten die Projekte entlang ihres gesamten Lebenszyklus – von der Planung über die Genehmigung bis zur Umsetzung. Innerhalb der StromNetzDC Projekte ist LINK digital eine zentrale Querschnittsfunktionen, die für Effizienz, Skalierbarkeit und Qualität sorgt.
Dabei arbeiten wir nach dem SAFe-Framework, einem etablierten agilen Liefermodell, das eine koordinierte, iterative und skalierbare Entwicklung über mehrere Teams und Projekte hinweg ermöglicht. So stellen wir sicher, dass digitale Lösungen schnell, bedarfsgerecht und in hoher Qualität bereitgestellt werden.

WhereNext: Die Projekte unter Ihrem Dach reichen von SuedLink bis NordOstLink. Wie organisieren Sie den Wissenstransfer, damit Best Practices in Planung, Bau und Dokumentation skalieren?
Frank Kurth: LINK digital fördert den Wissenstransfer aktiv – nicht nur durch Dokumentation und gemeinsame Standards, sondern auch durch konkrete Learnings aus bestehenden Projekten. Ein Beispiel: Hat man einmal erkannt, wie entscheidend es ist, bereits in den Verträgen mit Datenlieferanten präzise festzulegen, wie GIS-Daten zu liefern sind – inklusive Format, Datenmodell und Lieferzeitpunkten – kann man dieses Wissen inklusive der technischen Lösung direkt an nachfolgende Netzausbauprojekte weitergeben. Prozesse definieren IT-Lösungen, aber gleichzeitig erlauben bestehende IT-Lösungen die effiziente Definition funktionierender Prozesse.
Darüber hinaus legen wir großen Wert auf strukturierte Dokumentation und einheitliche Standards. Wir erstellen projektübergreifende Handbücher und pflegen eine zentrale Wissensdatenbank, die allen Beteiligten zur Verfügung steht. So stellen wir sicher, dass Erfahrungen nicht nur dokumentiert, sondern auch nachhaltig nutzbar gemacht werden.
Letztendlich haben die LINK digital Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein hohes fachliches Wissen in allen relevanten Prozessgebieten, welches sie im direkten Austausch an nachfolgende Projekte beratend weitergeben.
WhereNext: Räumliche Informationen sind unter anderem für Korridorwahl, Trassierung und Wegerechte zentral. Wie stellen Sie über Planung, Bau und Dokumentation hinweg eine durchgängige „Single Source of Truth“ sicher?
Frank Kurth: LINK digital setzt auf eine durchgängige Geodateninfrastruktur mit ArcGIS Enterprise und FME als technische Basis. Abgestimmte Datenmodelle und automatisierte GIS-Workflows – unter Einbindung der Fachbereiche und Geodatenmanager auf Kundenseite – sorgen dafür, dass aktuelle und konsistente Daten in den integrierten Systemen vorliegen.
Die Qualität der Geodaten ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Für viele Datenlieferungen stellen wir Upload-Schnittstellen bereit, über die externe Partner ihre GIS-Daten direkt übermitteln können. Diese Daten werden anschließend über FME automatisiert geprüft – etwa auf Format, Vollständigkeit und Konformität mit dem vereinbarten Datenmodell.
Aus unserer Erfahrung sind besonders anfangs ein Großteil der eingehenden Datenlieferungen fehlerbehaftet. Fehlerhafte Daten werden automatisiert abgelehnt, und die Datenlieferanten erhalten ein klares, systemgestütztes Feedback zur Überarbeitung. So stellen wir sicher, dass nur qualitätsgesicherte Daten in die Plattform gelangen und eine verlässliche „Single Source of Truth“ entsteht, die über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg trägt.
WhereNext: ArcGIS bildet die technische Grundlage für räumliche Informationen in Ihren Projekten. In welchen Anwendungsfällen stiftet die Plattform heute den größten Nutzen?
Frank Kurth: ArcGIS begleitet die Projekte über Planung, Genehmigung, Bau bis hin zur Übergabe in den Betrieb. Der physische Ort bildet das wesentliche Rückgrat unseres übergreifenden Datenmodels, da wir hier Daten aus verschiedenen Quellen und verschiedener Natur zu einem Informationsbild zusammenfügen können.
Jeder Projektbeteiligte hat einen einfachen und interessengerechten Zugriff auf zentrale Informationen – etwa über das WebGIS oder mobile GIS-Apps. Dazu zählen der aktuelle Trassenverlauf, Bohrprofile aus der Baugrunduntersuchung, der Status der Wegerechte oder die Lage von Abspulplätzen.
GIS versorgt das Gesamtvorhaben mit Rauminformationen, beschleunigt die Projektabwicklung und ermöglicht den digitalen, automatisierten Datenaustausch zwischen den beteiligten Systemen. Karten, Pläne und Daten für Behörden, Öffentlichkeit und Bürgerbeteiligung werden direkt aus dem System bereitgestellt.
WhereNext: Eine frühzeitige Abwägung von Umweltschutz, Bodennutzung und Anwohnerinteressen ist entscheidend. Wie nutzen Sie räumliche Informationen, um solche Zielkonflikte transparent zu adressieren oder auch zu visualisieren – insbesondere dort, wo mehrere Leitungen und Projekte aufeinandertreffen?
Frank Kurth: Räumliche Informationen werden in den Projekten an vielen Stellen genutzt, um Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen und transparent zu adressieren. Fachbereiche treffen ihre Entscheidungen auf Basis von Geobasisdaten und zusätzlich erfassten Fachdaten – unterstützt durch kartenbasierte Tools, die eine nachvollziehbare Abwägung ermöglichen.
Ein Beispiel ist die Nutzung des WebGIS für Hinweise: Hier können Kommunen, Behörden, Verbände und Bürgerinnen und Bürger räumlich bezogene Hinweise einreichen und den Stand der Planungen sowie bereits geprüfte Hinweise einsehen. Die Hinweise gehen direkt an das Stakeholder Management, das sich um die fachliche Bearbeitung kümmert.
WhereNext: Abschließend richten wir den Blick in die Zukunft: Wie sieht Ihre Vision eines digitalen unterstützten Netzausbauprojektes aus, und welche Rolle wird LINK digital dabei spielen?
Frank Kurth: Unsere Vision lautet: Wir machen Energiewende – einfach, sicher, digital.
Für uns bedeutet das, dass unsere Kundenprojekte über alle Projektphasen hinweg durchgängig digital unterstützt werden – von der Planung über Genehmigung und Bau bis hin zum Betrieb. Daten, Prozesse und Beteiligte sind nahtlos vernetzt, Entscheidungen basieren auf verlässlichen Informationen, und digitale Werkzeuge ermöglichen Effizienz, Risikominimierung, Transparenz und Geschwindigkeit.
LINK digital wird dabei als zentrale digitale Einheit eine Schlüsselrolle spielen. Unsere Mission ist es, mit exzellenten Lösungen, innovativen Technologien und einzigartiger Serviceorientierung Netzausbauprojekte zu beschleunigen. Wir schaffen die Voraussetzungen für ein digitales Ökosystem, das alle Beteiligten verbindet und die Komplexität großer Infrastrukturprojekte beherrschbar macht.
Dabei setzen wir auf klare Standards, agile Methoden, hohe Datenqualität und eine enge Zusammenarbeit mit den Projekten. Perspektivisch sehen wir zunehmend den Einsatz künstlicher Intelligenz, etwa bei der Bewertung von Alternativen, der Beantwortung von Anfragen oder der Erfassung von Metadaten.
Unser Ziel ist es, die Digitalisierung nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil des Netzausbaus zu etablieren – für eine Energiewende, die nicht nur technisch machbar, sondern auch digital exzellent umgesetzt ist.
Über LINK digital
LINK digital ist die digitale Einheit der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, TenneT und TransnetBW. StromNetzDC vereint die großen Gleichstromprojekte der drei Betreiber unter einer gemeinsamen Dach-Marke. Ziel des Unternehmens ist die effiziente digitale Abwicklung der Netzausbauprojekte in ganz Deutschland. LINK digital beschleunigt diese mit exzellenten Lösungen, innovativen Technologien und einer einzigartigen Serviceorientierung.



