Erreichbarkeit, Essensmöglichkeiten, Parksituation: Wie attraktiv der Standort eines Unternehmens für Mitarbeitende ist, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Wer dabei vorausschauend und datenbasiert Entscheidungen treffen möchte, beschäftigt sich zwangsläufig mit räumlichen Fragen. Im Interview verrät uns Daniel Scharvogel, wie adesso mithilfe von GIS-Technologie und einer nutzerfreundlichen KI-Integration Standortanalysen ermöglicht, die handlungsrelevant und klar verständlich sind.
WhereNext: Herr Scharvogel, bei adesso setzen Sie GIS-Technologie ein, um die Planung Ihrer Unternehmensstandorte datenbasiert zu unterstützen. Könnten Sie kurz skizzieren, was hinter diesem Ansatz steckt?
Daniel Scharvogel: Unser Ansatz zielt darauf ab, die Auswahl konkreter Bürostandorte innerhalb einer definierten Region datenbasiert zu unterstützen und transparent nachvollziehbar zu machen. Auch bisher wurden räumliche Analysen, unter anderem mit GIS, in die Bewertung einbezogen. Diese erfolgten jedoch häufig projektbezogen und mit entsprechendem manuellen Aufwand.
Mit dem neuen Ansatz bündeln wir relevante Kennzahlen systematisch in einer strukturierten GIS-Umgebung. Dadurch schaffen wir eine einheitliche, reproduzierbare und skalierbare Grundlage, um geeignete Flächen innerhalb einer Region effizient zu vergleichen und fundiert zu bewerten.
WhereNext: Warum ist GIS das passende Werkzeug, um faktenbasierte Entscheidungen bei der Planung von neuen Bürostandorten zu treffen?
Scharvogel: GIS ist für uns das passende Werkzeug, weil wir damit auf einer belastbaren Datengrundlage arbeiten und diese Daten gezielt visualisieren und vergleichen können. Statt subjektiver Einschätzungen sehen wir faktenbasiert, welcher genaue Standort welche Vorteile bietet. Für die Entscheidungstragenden bedeutet das, dass Zahlen und Zusammenhänge transparent und nachvollziehbar dargestellt werden. ArcGIS von Esri bietet dabei eine solide Basis, um strategische Entscheidungen zu neuen Bürostandorten fundiert zu treffen und Szenarien testen zu können.
WhereNext: Bei der Analyse bestehender sowie auch der Planung neuer Standorte spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. So zum Beispiel die Erreichbarkeit und das Einzugsgebiet eines Standorts. Welche Kriterien fließen aktuell in die Analyse auf Basis von ArcGIS bei Ihnen ein?
Scharvogel: Aktuell liegt der Schwerpunkt unserer Analyse auf der Erreichbarkeit der Standorte für Mitarbeitende. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit dem Auto. Dabei betrachten wir unterschiedliche zeitliche Horizonte: Je kürzer ein Standort erreichbar ist, desto positiver wird er bewertet. Hier zeigen sich teils deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Bürostandorten.
Ergänzend beziehen wir Faktoren wie die Nähe zu Flughäfen, zu öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Hauptbahnhöfen mit ein. Diese Ebenen sind perspektivisch vorgesehen, in der aktuellen Umsetzung liegt der Fokus jedoch noch primär auf der Erreichbarkeit eines Unternehmensstandorts für die Mitarbeitenden.
WhereNext: Welche Fragen können Sie schon heute durch die GIS-basierte Lösung beantworten?
Scharvogel: Mit unserer GIS-basierten Lösung können wir heute gezielt klassische Managementfragen beantworten, die für die Standortplanung neuer Büros für uns besonders relevant sind. Zum Beispiel lässt sich mit ArcGIS nachvollziehen, welcher Standort die meisten Mitarbeitenden innerhalb definierter Zeitfenster erreicht, und wie sich die Erreichbarkeit je nach Verkehrsmittel (zu Fuß, Fahrrad oder Auto) unterscheidet. Ebenso können wir analysieren, welche Auswirkungen eine Aufgabe oder die Verlagerung eines Standorts auf die Erreichbarkeit und Verteilung der Mitarbeitenden hätte. Damit liefert das System direkt belastbare Entscheidungsgrundlagen, die auf realen Daten basieren und die Managemententscheidungen fundiert unterstützen.

WhereNext: Das entwickelte Tool steht für die interne Entscheidungsfindung bereit und integriert eine „chattable AI“, die über Texteingabe gesteuert wird. Wie profitieren die internen Nutzerinnen und Nutzer konkret von der Oberfläche?
Scharvogel: Das entwickelte Tool und die KI-gestützte Benutzerführung basieren auf ArcGIS und sind bewusst so gestaltet, dass es auch Nutzerinnen und Nutzer ohne GIS-Kenntnisse Schritt für Schritt durch die Analyse führt. Die integrierte KI spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie übersetzt die komplexe Fachlogik der Standortplanung in verständliche, natürliche Sprache und leitet die Anwenderinnen und Anwender gezielt durch den Prozess. Am Ende steht ein klar verständlicher Report, der konkrete, verwertbare Ergebnisse liefert.
Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass nicht mehr nur Fachanwender GIS-Daten interpretieren können. Die KI ermöglicht es jedem, fundierte Entscheidungen auf Basis belastbarer Daten zu treffen und die Ergebnisse direkt einzuordnen.
Mit der Standortanalyse auf Basis von Esri-Technologie lässt sich die Erreichbarkeit der adesso-Unternehmensstandorte intuitiv analysieren
WhereNext: Welche weiteren Analyseebenen oder Datenquellen könnten in Zukunft in die Planung Ihrer Unternehmensstandorte integriert werden?
Scharvogel: Perspektivisch möchten wir die Analyse um weitere Ebenen ergänzen, um ein ganzheitlicheres Bild eines Standorts zu erhalten. Dazu zählen insbesondere die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, aber auch weiche Faktoren wie Essensmöglichkeiten in der Umgebung, Grünflächen oder Parks für die Mittagspause sowie die Parkplatzsituation. Ziel ist es, nicht nur funktionale Aspekte abzubilden, sondern ein Gesamtpaket zu bewerten, das die Attraktivität eines Standorts für Mitarbeitende widerspiegelt.
Darüber hinaus sind weitere Datenquellen denkbar, etwa zur Infrastruktur, zur Umfeldqualität oder zu regionalen Entwicklungen, um Standortentscheidungen neuer Geschäftsstellen noch vorausschauender treffen zu können. Natürlich nicht alles gleichzeitig, sondern schrittweise, eins nach dem anderen.

WhereNext: Sehen Sie Anwendungsmöglichkeiten für den GIS-gestützten Ansatz über adesso hinaus. Zum Beispiel in anderen Branchen wie Einzelhandel, Logistik oder öffentlicher Verwaltung?
Scharvogel: Ja, der GIS-gestützte Ansatz wird bereits branchenübergreifend eingesetzt. Besonders im Einzelhandel, in Logistik, Utilities oder im Bereich Lotterie liefert er messbare Vorteile. Standorte können datenbasiert bewertet, strategische Entscheidungen gezielt getroffen und Maßnahmen für Marketing oder Vertrieb direkt abgeleitet werden. Für bestehende Kunden haben wir bereits individuelle Systeme aufgebaut, die nicht nur die klassische Standortplanung, sondern auch Marketingmaßnahmen und andere strategische Vorhaben unterstützen.
In Kombination mit einer interaktiven KI wird der Zugang zu diesen Analysen auch für Nutzerinnen und Nutzer ohne GIS-Kenntnisse möglich. Das ist ein entscheidender Hebel, um faktenbasierte, nachvollziehbare Entscheidungen in der Breite zu ermöglichen.
WhereNext: Wenn Sie einen Ausblick auf die nächsten 3 bis 5 Jahre geben: Wie wird sich die Standortplanung mit GIS bei adesso entwickeln, und welche Innovationen erwarten Sie in diesem Bereich?
Scharvogel: In den nächsten drei bis fünf Jahren wird GIS bei adesso eine noch zentralere Rolle in der Standort- und Entscheidungsplanung spielen. Die aktuelle Lösung sehen wir als Keimzelle, die wir weiter ausbauen möchten. Zum einen unterstützt GIS die klassische Bürostandortplanung. Zum anderen verknüpfen wir Standortdaten zunehmend mit Projekt- und Staffing-Entscheidungen: Gerade durch Hybrid- und Remote-Arbeit sitzen Mitarbeitende stärker verteilt. GIS hilft dabei, sie gezielt Projekten in ihrer Region zuzuordnen und Dienstreisen zu minimieren. Durch die Skalierbarkeit und Integrationsfähigkeit von ArcGIS können wir räumliche Insights tiefer in unsere Prozesse integrieren. Das schafft klaren Mehrwert in Bezug auf Effizienz, Regionalität und Kundennähe.
Vielen Dank für die Einblicke!

Daniel Scharvogel ist Senior Consultant bei adesso



