Interview mit Dr.-Ing. René Burghardt, Lehrkraft für besondere Aufgaben Geoinformation | Landschaftsplanung und Kommunikation, Universität Kassel
Klimawandel, Flächenknappheit und wachsende Städte erfordern neue Werkzeuge für eine nachhaltige Planung. Geoinformation liefert dafür die entscheidenden Daten und Analysen. Im Interview beleuchtet Dr.-Ing. René Burghardt von der Uni Kassel, wie GIS-Kompetenzen, Kreativität und Neugier Stadt- und Landschaftsplanung zukunftsfähig machen.
WhereNext: Sie lehren Geoinformatik am Fachbereich für Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung der Universität Kassel. Welche Rolle wird Geoinformatik künftig dabei spielen, Städte und Kommunen widerstandsfähiger und nachhaltiger zu gestalten?
René Burghardt: Nach meinem Verständnis war die Geoinformation schon immer der Schlüssel für das interdisziplinäre Raumverständnis. Interdependenzen und Mensch-Umwelt-Wirkzusammenhänge können derartig komplex sein, dass wir uns ihnen ohne technische Hilfsmittel nicht annähern können.
Die Digitalisierung des kommunalen Planungs- und Entscheidungsalltags, die bundesweit etablierte Geodateninfrastruktur (GDI), sowie die Notwendigkeit Entscheidungen vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit evidenzbasiert treffen zu müssen, impliziert auch, dass Entwürfe und Planungen von Büros faktenbasiert sein müssen. Die über Jahrzehnte geforderte Multifunktionalität / Multitalentiertheit von Flächen insbesondere im urbanen Raum bedarf zu ihrer multifunktionalen Ausformung im Vorfeld die Identifikation ihres interdisziplinären und multifunktionalen Potentials.

Der Klimawandel, die sozio-ökonomischen Veränderungen, der Zwang zur Flächen-Priorisierung sowie viele weitere Herausforderungen erzwingen von uns einen sensiblen, ressourcenschonenden und optimierten Umgang mit den zur Verfügung stehenden Flächen. Vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Stadt- und Landschaftsplanung stellt die Geoinformation den Schlüssel der Raumanalyse sowie des darauf aufbauenden Raumverständnisses dar.
WhereNext: Welche GIS-Kompetenzen sollten Absolventinnen und Absolventen Ihrer Meinung nach unbedingt mitbringen, um in der Stadtplanung erfolgreich zu sein?
René Burghardt: Aus meiner Perspektive als Lehrender und privatwirtschaftlicher Planer brauchen wir als Planerinnen und Planer vier Wesenszüge. Neugier, Kreativität, logisches Denken und Disziplinoffenheit. Dabei stehen diese vier Kompetenzen in direkter Verbindung zueinander, bedingen sich und ergänzen sich.
Kreativität kann sich in vielen Formen ausdrücken. Meine Zeichen- und Skizzenfähigkeiten wurden jüngst von meinen Kindern in den Schatten gestellt, dabei ist Kreativität nicht physisch, vielmehr ist es meines Erachtens eine nicht greifbare Fähigkeit, Herausforderungen, Ideen und Lösungsansätze vor dem Hintergrund der jeweiligen Adressatenkulisse in ein logisches Konstrukt zu transformieren. Neugier und Disziplinoffenheit stellen zum einen sicher, unterschiedliche Perspektiven einnehmen zu können und gleichzeitig sind es elementare Bestandteile der Kreativität.
GIS ist ein Werkzeug, um unserer Kreativität und Neugier Ausdruck zu verleihen, um so einen planerischen Mehrwert zu schaffen.
WhereNext: Wie integrieren Sie aktuelle technologische Entwicklungen – etwa KI-gestützte Analyseverfahren oder 3D-Stadtmodelle – in Ihre Lehre, und wie reagieren die Studierenden darauf?
René Burghardt: Für Analyse- und Berechnungsverfahren nutze ich immer alles, was aus meiner Perspektive als Planer von Relevanz für die jeweilige Fragestellung bzw. für den beruflichen Alltag ist. Dementsprechend nutze ich, auch dank der sich fast flächendeckend etablierten „Open Data“ Struktur der Bundesländer, alle Daten, die für das Verständnis des Raums und meiner Fragestellung notwendig sind.
Gleichzeitig ist es bezeichnend zu sehen, dass in der Praxis viele raumbezogene Arbeiten, wie etwa Integrierte Stadtentwicklungskonzepte, Stadtklimaanalysen, etc. teilweise noch in Adobe Illustrator oder höchstens in Vektorworks durchgeführt werden.
Diese Erfahrung deckt sich jedoch auch mit einem Effekt, den ich sehr oft in meinen Seminaren wahrnehme. Die Verwunderung oder das Erstaunen der Studierenden, wie einfach und simpel manche Dinge sind, wenn sie mit Hilfe von GIS bearbeitet werden. Ein Beispiel stellen Höhen- und Konturlinien dar. Oft auf Grund von fehlendem Fachwissen der Fachgebietsleitungen über die Entwicklung von GIS über die letzten Dekaden, werden planerische und analytische Standards nicht oder nur unzureichend vermittelt, so dass Grundlagenanalysen unverhältnismäßig zeitintensiv ausfallen oder gar nicht durchgeführt werden können. Dementsprechend ist der „Oh“-Effekt, zum Beispiel bei Vorstellung der „Contour“-Funktion, bezeichnend.
WhereNext: Im Seminar „GIS in der Stadt- und Landschaftsplanung“ arbeiten Ihre Studierenden an praxisnahen Fragestellungen. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen – und gab es dabei ein Ergebnis oder eine Herangehensweise, die Sie besonders überrascht oder beeindruckt hat?
René Burghardt: In der Seminararbeit mit den Studierenden gehe ich meistens stufenweise vor. Zu Beginn wird eine Fragestellung definiert, die einen direkten Praxisbezug hat, und gleichzeitig von den Studierenden (meist ohne Praxiserfahrung) aus den Erfahrungen vorangegangener Seminare und Projekte nachvollzogen werden kann.
Ein konkretes Beispiel ist die flächenhafte Berechnung der Grundflächenzahl (GRZ) und der Geschossflächenzahl (GFZ). Diese Werte werden in der Regel im Rahmen eines Bebauungsplans festgelegt. Fehlende Bebauungspläne und auch fehlende Kontrolle führen jedoch dazu, dass kein gesamtstädtisches Bild zu diesen Kennzahlen vorhanden ist. Gleichzeitig bietet die flächenhafte Analyse wichtige Informationen, um Potentiale und Bedürfnisse der Stadtentwicklung zu erfassen und zu formulieren.
Oft fehlt den Studierenden tiefergehendes Fachwissen in der GIS-Anwendung. Nicht zuletzt deswegen nähern wir uns den Problemen und Fragestellungen erst rein theoretisch und entwickeln auf dieser Ebene Lösungsansätze. Der große Vorteil, der sich hieraus ergibt, ist der Umstand, dass sich die Studierenden in ihrer Lösungsfindung nicht davon ablenken und behindern lassen, was sie „nicht“ über GIS wissen. Grundsätzlich ist erst einmal alles möglich und erst, wenn eine oder oft auch mehrere Lösungen auf theoretischer Ebene gefunden wurden, geht es an die praktische Umsetzung.
Diese Lösungswege überraschen oft und nicht selten stellen sie auch eine Verbesserung gegenüber (m)einen „klassischen“ Lösungsweg dar.
WhereNext: Welche Kompetenzen – über die reine GIS-Anwendung hinaus – sind Ihrer Meinung nach entscheidend, damit zukünftige Stadtplanerinnen und Stadtplaner verantwortungsvoll und innovativ mit Geodaten arbeiten können?
René Burghardt: Die in meinen Augen wichtigste Kompetenz, die Planerinnen und Planer sich zu eigen machen sollten, ist der Erhalt oder das Wiedererlangen der „kindlichen“ Faszinationsfähigkeit. Die Welt um uns herum ist Faszination pur, und wie schade ist es oder wäre es, wenn wir, die unsere Umwelt, unseren Lebensraum und Zukunft gestalten, dies nicht entsprechend honorieren.
Vielen Dank Herr Dr. Burghardt für die wertvollen Einblicke!



