Extreme Wetterereignisse und komplexe Schadenslagen verlangen nach einem gemeinsamen Lagebild, das Organisationen über Zuständigkeitsgrenzen hinweg verbindet und Entscheidungen auf eine verlässliche Datenbasis stellt. Mit dem NPGeo-Kat etabliert die vfdb eine zentrale Plattform, die Standards setzt, Datenquellen bündelt und interoperable Lagekarten möglich macht. Im Interview zeigt Sven Dunkel, wie die vfdb Datensilos aufbricht und welche praxisnahen Anwendungen die Einsatzführung zukünftig schneller, sicherer und vernetzter machen.
Über die vfdb
Die vfdb ist das Expertennetzwerk für Schutz, Rettung und Sicherheit. Sie setzt sich richtungsweisend für ein sicheres Leben mit aktuellen und zukunftsorientierten Sicherheitsfragen auseinander. Die vfdb schafft als Expertennetzwerk eine Dialogplattform durch Fachreferate, Adhoc-Arbeitsgruppen sowie die Teilnahme an und Organisation von Fachtagungen und Fachmessen.
WhereNext: Herr Dunkel, wofür steht die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes und womit beschäftigen Sie sich konkret im Referat 7 bei der vfdb?
Sven Dunkel: Die vfdb ist einer der drei großen Interessenvertreter für die Feuerwehren im deutschsprachigen Raum. Wir sind ein Zusammenschluss aus Feuerwehren, der Industrie und der Forschung. Im Referat 7 der vfdb beschäftigen wir uns mit dem Aufgabenfeld der Informations- und Kommunikationstechnik. Wir schauen uns die Belange der Feuerwehren an, entwickeln und setzen hierzu Standards. Unsere stärkste Kompetenz im Referat 7 ist die Geoinformation. Hier haben wir bereits 2016 als Arbeitsgruppe gemeinsame Standards erarbeitet. Auch vernetzen wir uns mit anderen Fachgremien im Bereich des Brandschutzes, des Katastrophenschutzes und des Rettungsdienstes.
WhereNext: Können Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz erläutern, was genau sich hinter dem NPGeo-Kat verbirgt?
Sven Dunkel: Der NPGeo-Kat wurde als zentrale Plattform zur Bereitstellung von Geodaten entwickelt. Wir haben festgestellt, dass es im Bereich der Feuerwehren, des Katastrophenschutzes und des Rettungsdienstes zunehmend zum Einsatz von digitalen Lagekarten kommt, aber die Anwenderinnen und Anwender immer wieder auf die Suche nach Grundlagendaten gehen müssen. In diesem Kontext wurde die Idee geboren, diese Daten zusammenzutragen und an einer zentralen Stelle verfügbar zu machen. Dadurch soll die Arbeit vor Ort erleichtert und Ressourcen für die Recherche gespart werden. Gerade die Verfügbarkeit von validen und seriösen Daten ist zur Erstellung von Einsatzlagekarten elementar.
Auch wollen wir Mitgliedern die Möglichkeit eröffnen, sich in der digitalen Welt zu orientieren und erste Gehversuche zu machen. Uns ist wichtig zu betonen, dass der NPGeo-Kat keinen Ersatz für eine eigene Geodateninfrastruktur darstellt, sondern vielmehr zur Orientierung und Ergänzung dient.
WhereNext: Mit dem Thema GIS beschäftigen Sie sich in der vfdb schon seit mehreren Jahren. Wie hat sich das NPGeo-Kat von den Anfängen bis heute entwickelt?
Sven Dunkel: Das ist vollkommen richtig. Bereits 2016 haben wir in Deutschland mit den großen Berufsfeuerwehren uns Gedanken über Geodatennutzung zu machen. Die Anfänge lagen in der Corona-Ampel, die wir mit Feuerwehrinformationen der Landkreise und Städte angereichert haben und somit einen Überblick schaffen konnten. Da dies in Kooperation mit dem Robert-Koch-Institut erfolgte, war unsere Neugier nach weiteren Anwendungsfeldern geweckt.
Die Lage im Ahrtal 2021 hat gezeigt, dass die Nutzung von Geodaten noch nicht überall präsent ist und weiteren Anschub bei den Feuerwehren benötigt. Damals haben wir mit Hilfe des Disaster Response Program von Esri eine schnelle Lagekarte entwickelt und die elektronische Schadenserfassung über die Quick-Capture-App realisiert. Dies wurde vor Ort auch durch eine Organisation genutzt.
Auch die Vegetationsbrände im gleichen Jahr haben gezeigt, dass notwendige Informationen benötigt werden. Ebenfalls ist uns aufgefallen, dass die Lagekartensysteme verschiedener Anbieter nur lokal verfügbar sind und ein Austausch über Gebietsgrenzen hinweg nicht funktioniert. Das hat uns beflügelt, hier neue Maßstäbe zu entwickeln und uns mit den Anbietern auseinanderzusetzen.
WhereNext: NPGeo-Kat bündelt Datenkatalog, Atlas und Themengalerien mit praktischen Anwendungen für die organisationsübergreifende Einsatzunterstützung. Welchem Zweck dient dieses Angebot?
Sven Dunkel: Wie schon erwähnt, wollen wir grundsätzlich die Datenbereitstellung erleichtern. Als Mitglied der vfdb hat man natürlich den Vorteil eines Vollzugriffs auf das Portal. Hier werden auch Anwendungen aus Forschungsprojekten der vfdb zur Anwendung gebracht.
Zum Beispiel wurde im Projekt ResKriVer ein Waldbrandsimulator entwickelt, bei dem die Ausweitung des Feuers unter aktuellen Wetterbedingungen, der Topologie und des Baumbestandes berechnet werden kann. Also eine Entwicklung aus der Forschung zur Anwendung. Dies ist einer unserer Mehrwerte, die wir bieten.
Auch können durch die Bereitstellung von Anwendungen weitere Ideen und Weiterentwicklung durch die Anwenderinnen und Anwender erfolgen. Es gibt viele kluge Menschen mit tollen Ideen. Diese wollen wir erreichen und deren Ergebnisse nicht als einfache Lösung, sondern vielmehr als Gewinn für alle zur Nutzung bringen.
WhereNext: Die Plattform integriert öffentliche sowie geschützte Daten und erlaubt zugleich das Teilen eigener Geodaten. Gibt es Kooperation mit anderen Behörden für die Datenbereitstellung?
Sven Dunkel: Ja, wir haben auch geschützte Daten in unserem Portal. Das resultiert daraus, dass diese Daten durch Lizenzbedingungen geschützt sind, oder aber die Informationen nicht jedem zugänglich sein sollen. Über die Nutzung der eigenen Daten entscheidet der Datenersteller, ob er sie auch anderen zur Verfügung stellt.
Bereits 2022 haben wir eine Kooperation mit dem Bundesamt für Kartographie und Geodäsie abgeschlossen. Wir sind damals über den Waldbrand- und Hochwasseratlas aufeinander aufmerksam geworden. Da diese Produkte des BKG sehr wertvoll sind und wir bei den Feuerwehren bekannt sind, waren wir uns schnell einig. Zudem sind wir derzeit mit dem DWD auf der Zielgraden, was die verstärkte Zusammenarbeit angeht. Auch weitere Organisationen und Institutionen fühlen sich hier zu uns verbunden.
WhereNext: Wie können Feuerwehren das Datenangebot des NPGeo-Kat praktisch in ihren Einsätzen nutzen?
Sven Dunkel: Die Feuerwehren, sowie alle anderen Organisationen im Katastrophenschutz, können die Daten entweder auf ihre eigenen Systeme herunterladen oder als dynamische Dienste einbinden. Die gewonnenen Informationen sollen notwendige Entscheidungen erleichtern. Allein die Nutzung von Daten gleichen Ursprungs stellt einen immensen Mehrwert dar. Der geplante Informationsaustausch wird demnächst noch einem Stresstest unterzogen und soll in einer großen Region in Deutschland organisationsübergreifend bei einer Übung zum Einsatz kommen.
WhereNext: Angesichts zunehmender Extremereignisse und komplexer Schadenslagen wird resiliente, datengetriebene Einsatzführung immer wichtiger. Wie sieht Ihr Zielbild für die nächsten Jahre aus, damit NPGeo-Kat die Gefahrenabwehr schneller, sicherer und vernetzter macht?
Sven Dunkel: Die Zukunft vorauszusehen, gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen. Wir haben aber eine Vision, die wir verfolgen. Unser Ziel ist es, die unterschiedlichsten Systeme zu vernetzen und somit einen Gesamtüberblick zu schaffen. Hierzu haben wir Daten- und Austauschmodelle entwickelt. Das große Augenleuchten darf nächstens Jahr auf der zentralen Leitmesse für den Brandschutz, der Interschutz in Hannover erwartet werden. Wir sprechen derzeit mit den Systemherstellern und wollen eine vernetze Lagekarte über alle Systeme aufzeigen. Die Ideen sind so weit gediehen, dass wir beabsichtigen, mit einer weiteren Spontanhelfer-App die Messe als Einsatzlage für jedermann greif- und anschaubar zu machen.




