Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 bereitete sich Berlin intensiv auf mögliche Gefahrensituationen vor. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Lagebild Berlin, das durch den Einsatz von GIS-Technologien, Echtzeitdaten und einem Digitalen Zwilling des Olympiastadions ein präzises und interdisziplinäres Krisenmanagement ermöglichte. Herr Kassigkeit von der Berliner Feuerwehr erklärt, wie diese innovativen Ansätze die Einsatzplanung optimieren und wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sicherheitsbehörden, Einsatzkräften und Infrastrukturbetreibern gestärkt wird. Im Interview gibt er Einblicke in die Bedeutung dieser Technologien für den sicheren Ablauf der EURO 2024.
WhereNext: Herr Kassigkeit, können Sie uns erläutern, wie das Lagebild
Berlin speziell auf die Anforderungen der Fußball-Europameisterschaft 2024 zugeschnitten wurde und welche Vorteile Echtzeitdaten bieten?
Jonas Kassigkeit: Bereits lange vor der Europameisterschaft haben die Planungen zum Einsatz im Lagebild Berlin begonnen. Dafür haben zahlreiche Abstimmungsrunden mit den unterschiedlichen Stakeholdern stattgefunden, um einerseits die Anforderungen und Bedarfe zu ermitteln und andererseits die technischen und fachlichen Möglichkeiten zu erörtern.
Die enge Vernetzung und gute Zusammenarbeit zwischen den
Sicherheitsbehörden und dem Veranstalter haben maßgeblich zum Erfolg beigetragen. Konkret konnten im Lagebild Berlin neben veranstaltungsbezogenen Vektordaten auch aktuelle Luftbilder, ein interaktives Ebenenmodell des Olympiastadions, Livedaten zur Verkehrsauslastung sowie zu Baustellen und Sperrungen und die Echtzeitauslastung neuralgischer Lokalitäten abgebildet werden. Komplementiert wurde die Lagedarstellung durch Echtzeitinformationen des Deutschen Wetterdienstes. Der größte Mehrwert hat sich durch die Überlagerung dieser Informationen und der Darstellung in einer einzigen Anwendung ergeben. Insbesondere durch die Echtzeitdaten konnten mögliche Wechselwirkungen visualisiert bzw. vorgebeugt werde.

WhereNext: Welche konkreten Einsatzmöglichkeiten bot der Digitale Zwilling des Olympiastadions für die Berliner Feuerwehr in der Vorbereitung und im Krisenmanagement?
Jonas Kassigkeit: Die Verwendung von statischen Gebäudeplänen ist im Kontext der Feuerwehr von alltäglichem Nutzen. Der große Mehrwert der interaktiven Darstellung zeigte sich insbesondere bei der Komplexität dieses Objekts als sehr wertvoll. Die Informationen konnten interaktiv auf mobilen Endgeräten von den Einsatzkräften vor Ort genutzt werden. Durch die eigene Positionsbestimmung war eine Verortung auf dem Gelände auch in unübersichtlichen Situationen schnell möglich. Doch auch in der Vorbereitung und Planung können diese Daten bei der Prüfung der Vollständigkeit und des Vorhandenseins von feuerwehrtechnischen Anlagen unterstützen.
WhereNext: Wie fördert die GIS-gestützte Plattform die interdisziplinäre
Zusammenarbeit zwischen der Berliner Feuerwehr, den Sicherheitsbehörden und den städtischen Planungsbüros?
Jonas Kassigkeit: Der Austausch von Geodaten zwischen den unterschiedlichen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben stellte sich in der Vergangenheit durchaus als Herausforderung dar. Mit dem Lagebild Berlin haben wir eine zentrale Plattform geschaffen, die aus Anwendersicht einfach zu bedienen ist und dennoch einen hohen Funktionsumfang hat.
Der große Beteiligungskreis bringt auf der einen Seite seine Komplexität mit sich, ermöglicht uns andererseits eine hohe Reichweite und eine Vereinigung zahlreicher früher parallel laufender Prozesse. Die Netzwerkbildung zwischen allen beteiligten Organisationen trägt maßgeblich zum Erfolg der Plattform bei.
WhereNext: Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Integration von Echtzeitdaten in der Einsatzplanung gemacht und wie hat dies zur Vorbeugung von möglichen Krisensituationen und Reaktion auf solche während des Turniers beigetragen?
Jonas Kassigkeit: Wenn Menschen unsere Hilfe benötigen, geht es meistens um jede Minute. Um möglichst schnell am Einsatzort zu sein, helfen uns Echtzeitdaten der Verkehrslage und Informationen zu Ereignissen im Straßenverkehr wie Baustellen, Sperrungen und sonstigen Einschränkungen. Insbesondere an den Spieltagen in Berlin gab es durch eine Vielzahl von Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet eine große räumliche Ausdehnung und damit eine hohe Relevanz solcher Daten. An einzelnen Spieltagen hat sich gezeigt, dass auch Echtzeitwetterdaten von großem Interesse sein können. Das Wettergeschehen kann Auswirkungen auf das Einsatzaufkommen haben. Hier gibt es durchaus noch Optimierungspotenzial bei der Verfügbarkeit hochauflösender Wetterdaten durch ein ausgebautes Netz von Messstationen. Mit diesem Thema beschäftigen wir uns aktuell und erarbeiten verschiedene Lösungsansätze.

WhereNext: Gibt es Pläne, die Technologien und Erkenntnisse aus der
EURO 2024 auch langfristig im täglichen Betrieb der Berliner Feuerwehr oder bei zukünftigen Großveranstaltungen einzusetzen?
Jonas Kassigkeit: Natürlich wurde die Verwendung des Lagebilds Berlin im Nachgang genau ausgewertet und diskutiert. Neben der grundsätzlichen Überzeugung der Relevanz einer solchen zentralen Plattform und dem hohen Mehrwert in ihrer Anwendung haben wir auch Erkenntnisse zur Optimierung
gewonnen und über Erweiterungen gesprochen. Auch die technologischen Möglichkeiten werden sich weiterentwickeln und uns in Zukunft neue Optionen bieten. Das Lagebild Berlin wird deshalb nicht nur bei Ad-hoc-Lagen, sondern auch im Kontext von Großveranstaltungen weiterhin eine hohe Relevanz haben.
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Über die Berliner Feuerwehr
Die Berliner Feuerwehr ist mit über 500.000 Einsätzen im Jahr 2023 und mehr als 6.000 hauptamtlichen Kräften die größte Berufsfeuerwehr Deutschlands. Egal, ob Brände, Unfälle, medizinische Notfälle oder Katastrophen, die Berliner Feuerwehr ist rund um die Uhr im Einsatz.



