Die Energiewende erfordert Tempo, Transparenz und Zusammenarbeit – genau hier setzt die Mission Goal100 mit einem bundesweiten Windenergie-Monitor und Dashboards an, um das 115-Gigawatt-Ziel bis 2030 mess- und steuerbar zu machen. Im Interview erläutert Bahne Carstensen, wie Goal100 entstanden ist, welche Rolle Beteiligung und 3D-Visualisierungen spielen und wie Deutschland seine Ausbauziele erreichen kann.
WhereNext: Herr Carstensen, der Thinktank Goal100 ist ursprünglich aus einer ehrenamtlichen Initiative Ihrer gemeinnützigen Organisation ProjectTogether hervorgegangen. Geben Sie uns einen kurzen Einblick in die Arbeit von ProjectTogether?
Bahne Carstensen: ProjectTogether versteht sich als Plattform für „kollektives Handeln“. Viele Probleme – vom Klimawandel bis zur Staatsreform – sind zu groß, um sie allein zu lösen. Wir bringen deshalb Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in sogenannten Missionen zusammen. Ziel ist es, das Silodenken zu überwinden und ein Klima des Vertrauens und schnellen Handelns zu schaffen. Goal100 ist genau so eine Mission – angewandt auf die Energiewende.
WhereNext: Wie kam es zu der Mission Goal100 und welches Ziel verfolgt sie?
Bahne Carstensen: Goal100 ist 2023 aus den Climate Action Dinnern, einer ehrenamtlichen Initiative von Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Sport, Kunst und Medien, heraus entstanden. Der Anlass war das sehr ambitionierte Ausbauziel von 115 Gigawatt Windleistung bis 2030. Uns war klar: Dafür braucht es nicht nur Projekte, sondern auch Transparenz. Mit unserem digitalen Fortschrittsbarometer liefern wir erstmals einen Gesamtüberblick über den Windkraftausbau in Deutschland – und helfen Politik und der Branche, Engpässe früh zu erkennen und gegenzusteuern.
WhereNext: Mit Goal100 werden neben existierenden und genehmigten Anlagen erstmals auch im Genehmigungsprozess befindliche Anlagen erfasst. Wieso ist das für die Prognosen so entscheidend?
Bahne Carstensen: Weil dies der eigentliche „Frühindikator“ ist. Bis ein Windpark gebaut ist, vergehen oft fünf bis sieben Jahre. Wer nur auf genehmigte oder fertige Anlagen schaut, steuert also blind. Mit unserer Pipeline können wir genau sehen, welche Projekte sich in welcher Phase befinden – und so nicht erst reagieren, wenn es schon zu spät ist.

Bahne Carstensen: Der Monitor ist öffentlich unter goal100.org abrufbar. Politik und Behörden nutzen ihn als Steuerungsinstrument, Unternehmen als Benchmarking-Tool und Bürgerinnen und Bürger können sehen, wie es in ihrer Region aussieht. Auch externe Akteure wie Medien oder Wissenschaft greifen darauf zurück. Wir wollen damit eine gemeinsamen Datengrundlage schaffen, auf die sich alle verlassen können.
WhereNext: Einige regionale Beteiligungsformate nutzen ArcGIS zur 3D-Visualisierung des Windenergie-Ausbaus. Welche Rolle spielt die Beteiligung von Kommunen und Bürgern im Prozess um den Windenergieausbau?
Bahne Carstensen: Sie ist zentral, um Akzeptanz zu sichern. Studien zeigen, dass Beteiligung nicht bremst, sondern im Gegenteil neue Projekte beflügeln kann – vor allem, wenn Gemeinden wirtschaftlich profitieren. Wichtig ist aber, dass es nicht bei Geldzahlungen bleibt: Mitsprache und Transparenz im Verfahren sind entscheidend. Moderne Werkzeuge wie 3D-Visualisierungen helfen dabei, Veränderungen im Landschaftsbild greifbar zu machen und Konflikte konstruktiv zu lösen.
WhereNext: Laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 2023 soll die Windenergieleistung an Land im Jahr 2030 115 Gigawatt betragen. Kann Deutschland dieses Ziel nach Goal100 Analysen erreichen?
Bahne Carstensen: Unsere Prognosen sind positiv: Deutschland kann laut unserer Mittelfristprognose das Ziel nicht nur erreichen, sondern mit rund 117 Gigawatt sogar leicht übertreffen. Dafür sprechen volle Projektpipelines, deutlich kürzere Genehmigungszeiten und eine starke Nachfrage im Markt. Entscheidend ist jetzt, diesen Kurs zu halten und die Dynamik nicht durch neue Hürden auszubremsen.

WhereNext: Welche Herausforderungen sehen Sie trotz der positiven Dynamik bei der Verfolgung der Ausbauziele?
Bahne Carstensen: Trotz des positiven Trends gibt es Stolpersteine. Die größte Gefahr ist eine Politikwende und Abkehr von den positiven Errungenschaften beim Ausbau der Erneuerbaren. Wir benötigen Kontinuität und tatsächlich auch einen langen Atem. Hinzu kommt die sehr unterschiedliche Praxis in den Bundesländern – manche sind Vorreiter, andere hinken hinterher. Und natürlich gibt es weiterhin lokale Konflikte und Lücken in den Antragsdaten. Wenn wir diese Punkte nicht adressieren, könnte das Tempo ins Stocken geraten.
WhereNext: Digitale Karten bilden die Grundlage Ihres Windenergie-Monitors. Wie werden Karten und Geo-Dashboards künftig bei der Mission Goal100 zum Einsatz kommen?
Bahne Carstensen: Digitale Karten sind das Herzstück unseres Monitors. Sie übersetzen komplexe Daten in leicht verständliche Visualisierungen – bis auf die Gemeindeebene. Künftig wollen wir die Plattform auf weitere Technologien wie Photovoltaik und Netzinfrastruktur ausweiten. Gleichzeitig setzen wir auf 3D-Visualisierungen, um Bürgerinnen und Bürgern eine echte Mitsprache zu ermöglichen. Damit werden Dashboards zu einem Werkzeug, das nicht nur den Ausbau sichtbar macht, sondern auch Akzeptanz vor Ort schafft.
Wir bedanken uns bei Bahne Carstensen für diese spannenden, fachlichen Einblicke!



